Der gute Mensch von Sezuan
von Bertolt Brecht
Der Mensch ist nicht nur Opfer der Verhältnisse, sondern bestimmt diese auch
von Stephan Suschke
Brechts Stücke, die in den Jahren der Prosperität und des scheinbar sicheren Wohlstandes für den größten Teil der deutschen Bevölkerung veraltet schienen, bekommen durch die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre eine überraschende Aktualität. Dazu gehört auch das 1938 in Dänemark begonnene, 1940 in Schweden beendete Stück „Der gute Mensch von Sezuan“.
Brecht selbst versieht das Parabelstück mit der Bemerkung: Die Provinz Sezuan der Fabel, die für alle Orte stand, an denen Menschen von Menschen ausgebeutet werden, gehört heute nicht mehr zu diesen Orten. Abgesehen davon, dass sich auch das mittlerweile verändert hat, bleibt Brechts Grundfrage aktuell: Wie ist es möglich, in einer Gesellschaft, die an niedrigste Instinkte appelliert, gut zu sein? Die Hure Shen Te kommt durch göttliche Fügung und einfache menschliche Güte zu einem kleinen Vermögen. Ihre schnell stadtbekannt werdende Güte wird ausgenutzt, der kleine Tabakladen füllt sich mit Glücksrittern, Schmarotzern und den netten Ausbeutern von nebenan. Um zu überleben, erfindet sie die Figur ihres Vetters Shui Ta. Fortan versucht Shen Te durch diese Spaltung ihre menschlichen Qualitäten zu retten, indem sie die finsteren Entscheidungen ihrem Vetter Shui Ta überlässt. Die Schwierigkeit des Gut-Seins in einer Gesellschaft, die nicht gut ist, wird in kräftigen, gut gebauten Szenen gezeigt, die manchmal tragikomisch sind.
Dabei wird deutlich, dass selbst die untersten Schichten den ausbeuterischen Grundmechanismus der Gesellschaft bedienen. In der scheiternden Liebesgeschichte zwischen Shen Te und dem Flieger Sun wird sichtbar, dass die Menschen nicht nur Opfer der Verhältnisse sind, sondern diese auch bestimmen.
Der Plot und die Figuren sind großartig. In der Marburger Inszenierung soll die Geschichte in das Zentrum gerückt und die ideologischen Schlussfolgerungen den Zuschauern überlassen werden.
Der Gutmensch
von Adam Soboczynski
Warum ist der „Gutmensch“ eigentlich ein Schimpfwort? Zu Zeiten Goethes, als noch Maximen Mode waren wie Edel sei der Mensch, hilfreich und gut, hätte man das Wort als Tautologie empfunden. Heute gilt Gutsein als peinlich, so von vorgestern wie die Verteidigung einer aufgeklärten Moral und die Hoffnung auf eine bessere Welt. Da darf uns die popkulturelle Konjunktur der Globalisierungskritik nicht täuschen. Dass der „Gutmensch“, aus der politischen Rhetorik stammend, sich in der Alltagssprache niedergelassen hat, kann als Triumph antihumanistischen Denkens gelten. Die Häme über den guten Menschen beginnt bei Nietzsche, der Neologismus stammt aus dem Stürmer, Kampfbegriff ist er für die Neue Rechte, und salonfähig wurde er durch die 68er-Kritik im Stil von Klaus Bittermanns „Wörterbuch des Gutmenschen“. Die Verachtung, die das Wort ausdrückt, und die Geläufigkeit, mit der es verwendet wird, legen den Verdacht nahe: Als gut gilt jetzt ungut.
Tatsächlich ist der Gutmensch, von dem wieder mit kuriosem Eifer gesprochen wird, heute entweder längst ausgestorben, oder er versteckt sich verdammt gut. Der mit Furore Verfolgte pflanzte einst Bäume gegen das Waldsterben. Der Verkehr in den Großstädten war ihm ein Zeichen von Kinderfeindlichkeit, der Schwule Opfer von Zwangsheterosexualität, der Ausländer ein Opfer von Fremdenfeindlichkeit. Die Kritik war dem Gutmenschen ein Fetisch. Er verharrte in einem schlecht gelaunten Gestus des Entlarvens: Noch der großzügigste Sozialstaat trug den Makel repressiver Toleranz in sich und vernebelte die staatsmonopolistische Herrschaft.
Dann kamen die neunziger Jahre. Er mache sich über die Welt Illusionen, wurde dem Gutmenschen damals unterstellt. Gleichzeitig hieß es, er sei selbstgerecht. Mit seiner unterwürfigen Freundlichkeit dem türkischen Gemüsehändler gegenüber und seiner Solidarität mit den Entwicklungsländern würde er nicht die Welt verändern, sondern nur noch seine Nachbarn geißeln.
Als Gutmensch gilt heute bereits, wer eine differenzierte statt polarisierende Integrationsdebatte fordert, wer Neugier für die Migranten und ein Restgefühl an Nächstenliebe aufbringt. Als Gutmensch gilt heute, wer kein Islamkritiker ist. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die Islamkritiker damit durchaus erfolgreich die Strategie des traditionellen Gutmenschentums kapern: Der realpolitisch Handelnde oder auch nur Unverbitterte hat ihrer Ansicht nach schon immer unrecht. Aber derlei hält nicht ewig. Im Gegenteil. Auch unter dem Stichwort Islamkritik dürfte man wohl bald konstatieren: Wurde in den nuller Jahren überstrapaziert. Hat sich inzwischen erholt.
nach: Cicero Nr. 12, Dezember 2010
Premiere 09.09.2011
nächste Termine19.05.2012, 19.30 - 21.30 Uhr, Karten
09.04.2013, 19.30 - 21.30 Uhr
Regie
Bühne
Kostüme
Dramaturgie
Annelie Mattheis, Annelene Scherbaum
Besetzung
Anne Berg (a.G.), Uta Eisold, Claudia Fritzsche (a.G.), Stefan A. Piskorz, Oliver Schulz, Daniel Sempf, Thomas Streibig, Kleindarsteller und Chor
