Don Juan

Don Juan

Open Air-Spektakel

von Molière (1622-1673)

Deutsch von Sigrid Behrens

Für die Männer ist er ein Freigeist, ein Frauengewinner und Glücksjunge. Für die Damen das Ziel ihrer Eroberungen. Don Juan ist Gott, lebt kompromisslos und lässt die Mädchen fallen, selbst nach dem Termin vor dem Traualtar. Er ist getrieben von den Erwartungen an seine eigene Schöpfung, provoziert die Opfer zum Widerstand gegen seine Zerstörungswut und braucht den Affront zum Überleben. Vielleicht ist die Niederlage im finalen Kampf gegen die Moralvorstellungen der anderen nur die erhoffte Befreiung von seiner Angst vor dem Weib und die Flucht vor der eigenen Normalität.

In einem Open Air-Spektakel muss der Spielort zum Mitspieler und wichtigen Baustein des Abends werden. Der Marburger „Don Juan“ wird vor dem historischen Rathaus an der Seite von Musikern und Artisten seinen Untergang lustvoll vorantreiben und prominenten Gegenspielern aus der obersten Rathausetage gegenüber stehen.


Theater gehört ins Freie!


von Alexander Leiffheidt

Den wohl kürzesten Kommentar zu diese Thema hat Thomas Mann in seinem Essay „Die künstlerischen und kulturellen Möglichkeiten des Freilichttheaters“ verfasst, den wir hier gerne in voller Länge wiedergeben wollen: Leider fehlt es mir an Muße, Ihr Schreiben und Ihre Rundfrage ausführlicher zu beantworten. Ich muss mich darauf beschränken, zu versichern, dass ich der Idee des Freilichttheaters die herzlichste Sympathie entgegenbringe.

Thomas Mann ging mit seiner Notiz, veröffentlicht im Jahre 1909 in der Zeitschrift „Die Freilicht-Bühne“, wahrscheinlich bewusst auf Abstand zu den Bemühungen einiger Zeitgenossen, ein germanisch gesinntes Naturtheater ins Leben zu rufen. Vom Völkischen abgesehen, dürfte Manns Interesse an dieser Theater- und Bühnenform aber durchaus echt gewesen sein. Das lässt sich ohne weiteres nachvollziehen, wenn man bedenkt, dass Theater im Freien immerhin die älteste und, kulturhistorisch betrachtet, eigentlich auch die am weitesten verbreitete Theaterform der Welt ist. Von der Geburt des europäischen Dramas im antiken Griechenland bis zu den Wanderbühnen und Mysterienspielen des Mittelalters oder der Shakespeare-Bühne des 16. und 17. Jahrhunderts fand Theater beinahe immer schon unter freiem Himmel statt. Und wenn wir den Bogen noch weiter spannen, zum Beispiel bis zu den vorantiken Kultspielen der Ägypter oder den Faleaitu, den traditionellen Stehgreifkomödien der Samoaner, finden wir bei aller Unterschiedlichkeit von Bühnen, Darstellungsformen und Bedeutungen doch immer wieder eine Gemeinsamkeit: den offenen Himmel. In Indien, Japan und im fernen Osten gab es zwar schon von frühester Zeit an auch überdachte Theaterbauten. Zumindest aber was das abendländische Theater angeht, könnte man überspitzt formulieren: Theater gehört ins Freie!

So, wie wir es heute kennen – im geschlossenen Raum, mit Bühne, Beleuchtung, Bestuhlung und Theatermaschinerie – gibt es das Theater erst seit einigen hundert Jahren. Der erste massive, abgeschlossene Theaterbau Europas entsteht in der Renaissance, und zwar im Jahre 1484 in Vicenza. Knappe zwanzig Jahre später beginnt der Bau am etwas weniger prächtigen, dafür aber damals noch treu der Spätgotik verpflichteten Marburger Rathaus.

Interessanterweise ist es gerade die Epoche Molières, also das Barock, in der der geschlossene Theaterbau als glanzvolles Prunkstück einen Höhepunkt an Zuspruch und Entfaltung erfährt. Ausgerechnet mit seinem „Don Juan“ hatte Molière, ansonsten der Theaterstar seiner Epoche, allerdings in diesem Umfeld weniger Glück. Zwar war das Stück bei seiner Uraufführung am (überdachten) Théâtre du Palais-Royal ein großer Erfolg. Gespielt wurde es aber zu Lebzeiten Molières nur selten: Zu radikal und unmoralisch war den Zeitgenossen, und vor allem den machtvollen Gönnern Molières, der Entwurf eines Individuums, das sich lust– und machtvoll von Sittlichkeit, Staatsräson und Religion losspricht.

Theater unter freiem Himmel kann vieles sein: kultische Reinigung oder staatspolitischer Akt, Welttragödie oder derbes Possenspiel. Was jedoch beinahe alle Formen des Freilichttheaters gemeinsam haben, ist ihre Verankerung im Mittelpunkt von Zeit und Gemeinschaft. Während das Theater der Innenbühne einen Kunstraum erschafft, der von der Außenwelt abgeschlossen seinen eigenen Gesetzen folgen darf, ist das Freilichttheater immer mitten im Zentrum des Lebens, am Schnittpunkt zwischen Alltagswelt und Ausnahmezustand positioniert. Und so könnte man sagen, dass Molières „Don Juan“ auf dem Marburger Marktplatz, wo Kaffee getrunken und Wurst verkauft wird, wo Gericht gehalten und Hessen gegründet wurde, vielleicht einen passenden Ort gefunden hat.

Autor

Molière hieß mit bürgerlichem Namen Jean-Baptiste Poquelin und wurde 1622 in Paris als Sohn eines Tapetenhändlers geboren. Nach anfänglichen Schwierigkeiten und dreizehn langen Lehr- und Wanderjahren in der Provinz kehrte er 1658 nach Paris zurück, wo seine Truppe das Wohlgefallen Ludwig XIV. erlangte. 1665 wurde Molières „Illustre Théâtre“ zur offiziellen Theatertruppe des Königs ernannt, und von da an war sein Aufstieg zum unangefochtenen Star des europäischen Theaters nicht mehr aufzuhalten. Zwischen 1660 und 1670 schrieb er seine wichtigsten Theaterstücke, die er auch inszenierte und in denen er als Schauspieler selbst auftrat. 1665 entstand „Don Juan oder Der Steinerne Gast“ nach einer alten Legende, die vor Molière bereits der spanische Autor Tirso de Molina behandelt hatte. Das Interesse an dieser Figur ist bis heute ungebrochen – nach Molière haben sich u.a. C. Goldoni, W.A. Mozart, E.T.A. Hoffmann und Ingmar Bergmann mit dem Thema auseinandergesetzt. Molière selbst gelangen nach „Don Juan“ noch einige weitere große Erfolge wie „Der Arzt wider Willen“ oder „Der Menschenfeind“. Im Jahre 1670 allerdings verließ ihn das Glück, und mit ihm die Gunst des Königs. Drei Jahre später, kurz nach einer Aufführung seines Stücks „Der eingebildete Kranke“, verstarb Molière in seiner Wohnung an Tuberkulose. Seine letzte Vorstellung, in der er ironischerweise selbst in der Hauptrolle auftrat, hatte er zuvor noch zu Ende gespielt.

Theaterpädagogische Angebote


Regie

Matthias Faltz


Musikalische Leitung

Barbara Kuch, Michael Lohmann


Bühne

Fred Bielefeldt


Projektionen

Anne Kuhn


Lichtdesign

René Liebert, Andreas Mihan


Kostüme

Jelena Miletić


Dramaturgie

Alexander Leiffheidt


Musiker

Joe Bonica, Jens Dörr, Jörg Helfrich, Andreas Jamin



Besetzung

Ogün Derendeli, Michael Köckritz, Martin Maecker, Stephanie Müller-Hagen, Victoria Schmidt, Walter Schmuck, Egon Vaupel, Antje Mertens, Tom Eckert, Jörn Eigmüller, Stephan Kräling, Chor des Landestheaters


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